Antworten auf Lebensfragen

Was ist Alter?

 
Lieber Freund,

das Alter ist gewiss ein häufig diskutierter Gegenstand und das Auge des modernen Menschen ist darauf konzentriert. Der „ältere Mitbürger“ ist ein wichtiger Faktor im Leben geworden; seine Nöte und Wünsche stehen an erster Stelle im Denken des Menschen. Aber der ältere Bürger muss ein fortschrittlicher Mensch sein ‑ nicht ein hoffnungsloser und hilfloser Haufen Fleisch. Du fragst: „Was ist Alter?“ Alter ist ein Bewusstseinszustand, ob Du zehn, zwanzig, vierzig oder neunzig Jahre alt bist. In dem einen Alter hast Du eine ganz andere Bewusstseinsverfassung, als Du sie in einem anderen Alter hast.

Alter ist Erfahrung. Das ist eine der größten Belohnungen des Lebens. Alter ist das Wort, das wir benutzen, um zu unterscheiden zwischen denen, die schon länger hier sind und denen, die erst jüngst gekommen sind. Alter ist eine Veränderung des Tempos. Einige Menschen denken, eine Veränderung des Tempos bedeute Versagen, Aufgeben oder Unzulänglichkeit. Eine Veränderung des Tempos kann in einem Abstandnehmen von bestimmten Tätigkeiten bestehen, aber sie sollte ein Hinüberwechseln zu neuen und lebenswichtigeren Tätigkeiten sein. Es ist wie ein Umschalten in einen anderen Gang, um mehr Kraft zu gewinnen. Manchmal sind wir in einem hohen Gang, wenn ich so sagen darf. Wir sind in einem hohen Gang, wenn unsere Tätigkeit auf einem Höhepunkt angelangt ist, wenn eine Familie da ist, die von uns mehr Zeit und Aufmerksamkeit verlangt, wenn uns die Sorge um den Lebensunterhalt bedrängt, wenn wir keine Zeit mehr haben für die Dinge, die wir uns so sehr wünschen.

Das ist die Zeit, wenn die drückenden, äußeren, materiellen Dinge des Lebens ihren Anspruch an uns richten. Das ist der Augenblick, in dem wir sagen: „Hätte ich nur Zeit zum Lesen, um ein bisschen zu leben, zu schreiben, gute Stücke zu sehen und zu reisen, um ein Thema zu verfolgen oder in Muße zu studieren; hätte ich nur Zeit, etwas für meine Seele zu tun, mich auszudrücken.“ Wir sagen: „Ich möchte, ich hätte mehr Zeit für meine Mitmenschen, für Geselligkeit, mehr Zeit, mich der Menschen in der Welt zu erfreuen.“ Wir sagen: „Wir sind so beschäftigt und andere sind so beschäftigt, dass die Tage, Wochen und Jahre vorübergleiten und dass keine Zeit bleibt für das größte Geschenk im Leben ‑ Geselligkeit und Freundschaft.

Der große Austausch ist das Lachen, die Liebe, die Kameradschaft und die Gesellschaft, die wir einander geben. Gesellschaft stammt ursprünglich von den Wörtern „im gleichen Saal“ ab. Das ist auf die alte Vorstellung bezogen, dass die Menschen den gleichen Saal nur mit denen teilten, denen sie vertrauten. Es war eine Geste oder ein Symbol der Treue. Gesellschaft ist Gleichheit. Die gleiche Verpflichtung ist der Austausch zwischen zwei Menschen, gleicher Austausch des Lachens, der Liebe, des Glaubens, der Wärme, der Freude und Freundschaft. Dies sind wechselseitige Geschenke, die weder Zeit noch Alter haben. Aber es gibt noch einen anderen Austausch, der in gleicher Weise wichtig ist. Dies ist etwas, das sich zwischen Dir und Dir abspielt. Es ist der wichtigste Austausch von allem. Was Du von Dir selbst denkst, wie Du das Leben betrachtest, das ist das Maß dessen, was die Menschen Alter nennen.

Es kommt eine Zeit im Leben, in der wir unsere Spielsachen beiseite legen, in der wir aufhören Kinder zu sein und aus dem Sandkasten herausklettern. Es kommt auch die Zeit, in der sich der Druck des geschäftlichen Alltags entspannt und an die zweite Stelle gerückt werden muss. Wir bewahren noch den Geist des Kindes mit seinem Interesse, seiner Neugier, seinem Wissensdurst und seinem Wunsch nach Verständnis, aber jetzt fügen wir diesem Erfahrung, Technik, Geschicklichkeit, Weisheit hinzu, die aus Prüfungen, Übung, Beobachtung und viel Leben zu uns gekommen sind. Das ist die Entfaltung des Lebens. Das ist natürliche, normale, gesunde Lebensführung, in der jede Entwicklungsphase ist, wie sie sein sollte. Die Kindheit war schon richtig in ihrem Wachstum, ihrer Entfaltung und Erziehung und dann wurde es Zeit, in die Welt der Angelegenheiten mit ihren Umbrüchen und Veränderungen hinüberzuwechseln, es wurde Zeit für das Aufnehmen von Wissen, das aus der Erfahrung stammt.

Der Mensch wurde geschaffen, um schöpferisch zu sein von der Zeit an, da er als Junge eine Stadt im Sandkasten schuf oder als kleines Mädchen mit seinen Puppen und Tellern ein Heim erstellte. Die Schuljahre bringen den schöpferischen Drang hervor und zeigen uns das Gebiet schöpferischen Tuns, für das wir am besten geeignet sind. Dann gehen wir zu größerem Schaffen in dem von uns gewählten Gebiet über ‑ die schönen Künste, das Geschäft, das Bauen, die Erziehung, Forschung, Wissenschaft, Elektronik oder was es auch sein mag. Hier hat die schöpferische Kraft ihren unbegrenzten Ausdruck.

Es gibt noch ein größeres Wachsen und größere Entwicklung. Wenn der Mensch bis zu dieser Phase seiner Schaffenskraft gelangt ist ‑ Existenzgrundlage, Unterhaltung einer Familie, Ausdruck seiner selbst und Behauptung seines Platzes im Leben ‑, wird er beunruhigt, wenn diese Dinge langsamer vor sich gehen oder allmählich aufhören. Das ist der Augenblick, wenn die Kinder ihren eigenen Weg zu gehen beginnen. Äußerer Erfolg ist das Ergebnis der Leistung, aber er schwindet wie Flut und Ebbe des Ozeans und das ist ein Teil des Gesetzes des Lebens. Aber immer müssen der Geist und der schöpferische Ausdruck weitergehen.

Der Mensch darf nicht glauben, dass das ganze Leben äußere, materielle Leistung sei. Weil er jedoch in der Verhaftung an die heutige Lebensweise zu „forcierter Tätigkeit“ getrieben ist, glaubt er, dass ein Aufgeben dieser Dinge ein Zeichen für Verfall sei. Deswegen glaubt er, die Lebenstätigkeit schwinde oder verringere sich, und er nimmt diese Vorstellung hin als ein Teil des großen Schreckgespenstes, das wir „Alter“ nennen. Wenn wir diese Vorstellung des Alters annehmen, dann versperren wir uns den nächsten Schritt der Entfaltung. Durch das, was wir „Alter“ nennen, ziehen wir uns vom Strom des Lebens zurück. Das ist dem Leben und der Lebenskraft abträglich und der größte Fehler des Menschen.

Wir müssen unsere Bestimmung erfüllen ‑ aber wenn wir den Glauben annehmen, dass unsere Kraft nachlässt, kann uns das veranlassen, das Interesse zu verlieren und das Leben aufzugeben. Ein solcher Glaube beeinträchtigt Gesundheit, Reichtum und unser Gutes insgesamt. Die Macht des erfahrenen Menschen, die Weisheit des älteren Menschen gehören zu den wertvollsten Dingen und sollen geehrt werden. Es liegen wunderbare Dinge in der Weisheit des Lebens. Ein Mensch, der gelebt hat, kann die Straße vom Weg unterscheiden. Er kann das Wertlose von dem Edelstein unterscheiden, für den ein Mensch alles verkauft, was er besitzt. Mit den Jahren werden die Antworten und die Pläne klarer. Der Mensch kennt vielleicht nicht die Gründe der Dinge, aber er hat das Geheimnis entdeckt, wie man ihnen begegnet.

In unserer heutigen Zeit ist die Erfahrung des Alters beiseite geworfen worden; da aber diese Weisheit der Grund von allem ist, was wir haben, von allem, was wir „Leben“ nennen, darf sie ebenso wenig übersehen werden wie wir den Grund, auf dem das ganze Gebäude ruht, übersehen würden. Die Weisheit des Alters muss ihren Platz in der Gezeit des Lebens, das ihr folgt, einnehmen, aber sie muss verstanden und vertrauensvoll befolgt werden.
Statt dass der Mensch die Schönheit und das Wunder der Erfahrung annimmt, nimmt er die Vorstellung an, dass das Alter Zerstörung und Verfall sei und er fühlt sich minderwertig und verloren. Er flieht oder fällt in irgendeiner Art von Erleben, in dem er sich nicht auf die vergangenen Jahre oder das erworbene Wissen verlassen kann. Jede Beziehung und jedes Erlebnis ist ein unauflöslicher Teil im Fortschritt der Zeit, in der wir leben. Wir müssen unseren Platz einnehmen und jede neue Phase des Seins muss sich zu ihrer festgesetzten Zeit erschließen.

Lasst uns nicht das Martyrium wählen (zu dem das Alter häufig wird). Ziehen wir uns nicht zurück. Verzichten wir nicht darauf, uns natürlich auszudrücken. Lasst uns kein trauriges, verschlossenes Leben voll Bitterkeit führen, denn das ist der Boden für Krankheit und den Verlust der Vitalität. Enttäuschung und Angst hindern uns, die vitale Substanz des Lebens frei zu lassen. Lasst uns nicht die Tür vor dem nächsten Schritt des Lebens und vor dem Guten, das uns gehört, verschließen.

Der dritte Schritt in der Entwicklung des Menschen ist das, was der Mensch „Greisenalter“ genannt hat. Es erwartet den Menschen, der es hinnimmt und sehen will, was ihm bevorsteht. Das Greisenalter, vor dem sich die Menschen fürchten, ist eine Bewusstseinsverfassung, in der sie aufhören, schöpferisch und produktiv zu sein. Wir haben eine Familie gegründet und ein Geschäft unterhalten und wir glauben, dass sich das schöpferische Tun nur auf diese physischen Dinge beschränkt; aber wir müssen den nächsten Schritt des schöpferischen Tuns in Geist und Seele wagen. Wir müssen produktiv sein. Es ist unerlässlich, dass wir den schöpferischen Vorgang weitertragen. Wir müssen uns unsere Umwelt und unser Verständnis schaffen. Wir müssen die Weisheit aus jedem Tage, den wir gelebt haben, nehmen und sie zu einem faszinierenden Plan gestalten, der das ganze Leben lebenswert macht. Wir müssen jetzt in das Leben die Wirklichkeit hineinprojizieren, für die wir gelebt haben und für die wir jedes Erlebnis, jede Anforderung, jede Schwierigkeit bestanden haben. Wir müssen jetzt den Sinn unseres Lebens erfüllen. Jetzt, an diesem Punkt im Leben, können wir dem Leben und den Menschen, die uns folgen, unseren größten Beitrag liefern.

Wir alle müssen die Weisheit des Lebens beweisen. Wir müssen im Sand der Zeit die Schritte tun, die das Leben lebenswert machen. Wir müssen das Erbe eines erfüllten Lebens zurücklassen und bedenken, dass das Letzte das Größte von allem ist.