Antworten auf Lebensfragen

Mit unseren Veröffentlichungen möchten wir weiterführende Impulse für Ihr Leben schenken.


Wo habe ich versagt?

 
Lieber Freund,

ich beeile mich, Dir zu antworten: „Du hast nicht versagt“, wenn Du mit Versagen meinst,
dass Du Dich als unzulänglich erwiesen habest oder an ein Ende gekommen seiest. Nein,
Du hast nicht versagt. Es gibt eine seltene, alte Bedeutung des Wortes „versagen“ und die ist
„etwas ungetan lassen“. In diesem Sinne haben wir alle versagt, weil wir Dinge ungetan lassen.
Das meiste von dem, was wir Sünden nennen, sind Sünden der Unterlassung. Wir unterlassen es,
Dinge zu tun. Wir unterlassen es, die Dinge zu vollenden oder die Kraft zu gebrauchen, die uns
gehört. Wir versagen vor dem Verständnis so vieler Dinge, die wichtig sind und so vieler Dinge,
die um uns vorgehen. Eben jetzt, an diesem Punkt unserer Entwicklung gibt es mancherlei Tätigkeit
unter der Oberfläche, aber wir verbringen weiterhin zu viel Zeit mit oberflächlichen Dingen. Eine
Generation stirbt und eine andere wird geboren. Wir sind die Zwischengeneration.

Die Welt stöhnt vor Veränderung. Der einzelne Mensch schreit, unfähig, es zu verstehen, weil er glaubt,
dass er sein Bestes getan hat. Er fragt: „Warum versage ich? Warum zerbricht alles?“ Er versteht nicht,
dass Veränderung, eine große Veränderung, jetzt vor sich geht. Diese Veränderung dient nicht dem Bösen
oder der Zerstörung, sondern einem neuen Anfang. Dinge zerbrechen und ersetzen sich immer wieder in
unserem Leben. Das Alte hat seine Zelte abgebrochen, das Neue zieht ein.

Die Belange der neuen Zeit sind um uns aufgestapelt wie die Kisten und Fässer eines Umzugstages.
Es gibt einen neuen Bewohner. Dieser neue Bewohner der Erde ist ein Mensch des Friedens und der
Liebe und der Naturgesetze. Dieser Mensch war immer in unserem Herzen und Geist, ist aber in der
äußeren Welt niemals vollkommen hervorgetreten. Der alte Bewohner war der Mann der Angst,
der Furcht und der Sorge. Der neue Bewohner ist der Mensch des Friedens und der inneren Kraft.
Wir waren und sind beides: Der neue Mensch und der alte Mensch. Der alte Mensch ist verschlissen;
er ist unmodern. Wir werden der neue Mensch. Wir sind enttäuscht, weil wir vorläufig weder der eine noch
der andere sind.

Wir können an dem, was geschieht, nichts ändern. Wir können nicht einhalten oder zurückhalten. Wir sind
in dem großen Kreis der Entwicklung des Menschen gefangen und das ist wunderbar, wenn wir verstehen,
was uns geschieht. Wir betreten einen neuen Platz auf einem neuen Weg. Wir stellen fest, dass wir uns nicht
mehr als ein Einzelwesen denken können, sondern als eine Einheit, die zum Universum gehört, die sich im
Einklang mit der ganzen Menschheit bewegt. Das besagt nicht, dass wir alle gleich sind. Wir werden vereint
sein ohne Uniformität und doch verschieden.

Wir wollen uns nicht zu sehr darum bemühen, die Veränderungen zu verstehen, damit wir uns nicht darin verlieren.
Wir können die Veränderungen im Leben ebenso wenig aufhalten, wie wir die Gezeiten des Meeres aufhalten
können; so wollen wir uns also dem Leben überlassen. Wir wollen nicht zu dem alten Menschen, der wir gewesen
sind, zurückkehren und ein Versagen beweinen. Wir wollen uns entspannen, rühren und für alles, was geschieht, bewusst bereit sein.

Die Dinge mögen verwirrend sein, aber wir erreichen eine neue Ausgeglichenheit. Du sagst vielleicht:
„Es ist zu spät“ oder „Es ist später, als Du denkst.“ Aber ich sage: „Es ist größer, als Du denkst.“ Es ist hier
und es ist größer als unsere persönliche Wahl. Wir werden alle einbegriffen in ein lebendiges, atmendes
Ganzes. Wenn wir aufblicken würden von dem, was wir das Versagen nennen, wenn wir fortblicken würden
von den Verhältnissen, würden wir etwas ganz anderes sehen. Ich weiß, wir denken, dass das sehr schwer
zu bewerkstelligen sei, aber dieses Wegblicken ist der Schlüssel zum Leben. Der Geist in jedem von uns ist
so mächtig, dass er unaufhörlich schafft. Er schafft alles, worauf wir ihn konzentrieren. Je mehr wir an Versagen, Probleme, Verhältnisse denken, umso eher erscheinen sie in unserem Leben. Wenn wir unseren Geist auf sie konzentrieren, schaffen wir sie. Das ist die Wahrheit. Gleiches schafft Gleiches - vom Samen im Boden bis zu
den Gedanken im Geiste des Menschen.

Blicke fort von Deinen eigenen persönlichen Problemen und Situationen. Blicke fort, gewinne eine neue
Schwingung, stehe auf, denke an etwas anderes als Deine Nöte und Schwierigkeiten. Höre auf, Dich zu
verurteilen. Höre auf, über Dein Versagen zu reden (es sei denn, natürlich, dass Du das Versagen willst).
Höre auf, über Arbeitslosigkeit oder Mangel oder irgendwelche Dinge, die Du nicht wünschst, zu klagen.
Widme Dich kühn und mutig dem Guten. Glaube an das Gute in jedem Verhältnis und jeder Situation. Ich
weiß, dass es manchmal schwierig ist, das Gute zu sehen, wenn Dich die Dinge bedrücken. Wenn Du
verstehst, dass Du das wirst, was Du siehst, dann entscheidest Du, was Du ansiehst und was Du in Deinem
Leben wünschst. Du wünschst kein Versagen, nicht einmal für einen Augenblick. So betrachte auch nicht
das Versagen, unterstütze es nicht. Mache Dir keine Sorgen wegen Deiner Familie oder wegen anderer
Menschen. Auch sie sind in einer großen Veränderung. Das Licht leuchtet über uns allen und durch uns alle.
Du denkst vielleicht, dass Du viele Fehler gemacht hast. Richte Dich nicht selbst, denn Du hast alles gemäß
Deiner besonderen Entwicklungsphase und der jeweiligen Umstände getan. Alles, was je gewesen ist,
steht in direkter Beziehung zu dem, was jetzt ist. Keine Zeit ist getrennt von der Zeit, die vorausging oder
von der Zeit, die noch kommen soll. Alle vergangenen Erlebnisse, die Du gut oder schlecht genannt hast,
haben Dich zu dieser gegenwärtigen Zeit gebracht. Auf keinem anderen Wege hättest Du zum Heute kommen
können. Was kommen soll, hängt davon ab, was Du denkst und fühlst.

Befreien wir also Geist und Herz. Befreien wir unseren Geist von Versagen, von Lust und Mangel und unser
Herz von Angst und Sorge. Versuchen wir nicht, uns umzukrempeln. Wir sind schon in Ordnung und wir brauchen
uns nur unserer selbst, unseres wahren Selbst, bewusst zu werden und unseren Geist von der armen, kranken, versagenden Person zu befreien, zu der wir uns im Geiste gemacht haben.

Könnten wir nur einen kleinen Augenblick hinter unsere Probleme und Aufgaben blicken, würden wir in einer wunderbaren Welt erwachen, die noch außer Sicht ist. Die alte Welt bleibt, aber wir ändern uns. Es ist kein
Grund zur Beunruhigung. Wir brauchen uns mit unserem kranken, armen, unglücklichen Leben nicht abzufinden,
denn es gibt ein viel größeres, befriedigenderes, erfüllenderes Leben. Unsere Ängste, unsere Zweifel, unsere Überzeugungen müssen befreit werden und wir müssen neu beginnen.

Sei nicht entmutigt, wenn Du zu versagen scheinst. Es sind nur die alten Ideen, die alten Bewusstseinszustände,
die alten Wege, die wegfallen. Bedenke nur, dass der alte Mensch der Angst und Entmutigung der Mensch ist,
der Du warst ‑ aber es gibt einen neuen Menschen, der Du sein sollst. Du bist wie ein Schmetterling, der aus
einer Puppe schlüpft und mit der Raupe keinerlei Ähnlichkeit mehr hat.

Wir sagen nicht, dass an dem alten Menschen, der Du gewesen bist, zu seiner Zeit etwas falsch war. Wir wollen
unsere Vergangenheit und das, was wir gewesen sind, genauso wenig verdammen wie Pferd und Wagen, die
dem Menschen so lange und so treu gedient haben. Lasst uns erkennen, dass es neue Transportmittel gibt und
wir können dann nicht an das Alte gebunden bleiben. Es gibt einen neuen Weg, dem Leben zu begegnen, einen
neuen Zustand des Seins, ein Einssein mit anderen Menschen und die ganze Autorität gehört uns. Wir können
nicht beim Alten bleiben. Wir müssen die Veränderung durchführen - uns selbst zum Trotz.

Der alte Mensch glaubte an die äußere Welt und der ausschließliche Glaube an die äußere Welt ist Materialismus.
Der Materialismus fällt, wenn der Mensch an etwas glaubt, was er nicht sehen kann. Die physikalische und materielle Welt hat ihren Platz im Plan des Lebens, aber die materiellen Dinge sind eine Wirkung und nicht eine Ursache. Die Probleme des Lebens zu verneinen ist Torheit, aber zu behaupten, dass nichts dagegen getan werden kann, ist Beschränktheit. Die Probleme des Lebens liegen vor uns und wir sind ausgerüstet, mit ihnen fertig zu werden. Dies ist der Sinn unseres Daseins. Man kann an allem etwas tun.

Wir gehen täglich vorwärts, ob wir es wissen oder nicht. Unsere Aufgabe ist es, uns zu regen und zuzulassen,
dass die Dinge in uns geschehen. Wir müssen uns in Geist und Herz dieser großen Veränderung ergeben, die
uns auferlegt ist. Wenn wir von Schwierigkeiten, Versagen und Angst herausgefordert werden, wollen wir nicht
entmutigt sein; lasst uns vielmehr erkennen, dass dies alles Veränderung ist und dass wir sie vollziehen. Das
Gute muss kommen und gesegnet ist der, durch den es kommt. Die Maßstäbe der Welt wandeln sich und das
Gute bekommt einen großen Wert. Der Mensch wird sich seiner eigenen Größe und der Kraft seines eigenen
Geistes bewusst.

Lass Dich von niemand ins Versagen hineinreden. Rede Dich auch nicht selbst hinein. Wende Dich vom
Versagen ab und es kann für Dich kein Versagen geben. Du wirst finden, dass Versagen Veränderung ist
und Veränderung ist immer Wachstum. Du hast nur dann versagt, wenn Du Veränderung als Versagen annimmst.
Du hast nur dann versagt, wenn Du Versagen mit Deinem Geiste unterstützt. Dein Geist gehört Dir, damit Du ihn gebrauchst und Dein Gutes gehört Dir, damit Du es besitzt. So binde sie aneinander ‑

Deinen Geist und Dein Gutes.

Mit freundlicher Genehmigung des FRICK VERLAGS Pforzheim veröffentlichen wir Kapitel aus dem Buch von Sue Sue Sikking: Ein Brief an Adam