Vergebung


Fragen Sie sich morgens beim Erwachen: 

„Wofür und für wen bin ich dankbar? Was ist genau jetzt in meinem Leben in Ordnung?“ 

Schreiben Sie drei Dinge auf.
Am Ende des Tages halten Sie eine kurze Rückschau, notieren die Höhepunkte
und schreiben drei weitere auf.

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Die Gabe der Dankbarkeit

Von Annie L. Scholl

Schon früh in ihrem Leben lernte Terri Cole den Wert der Dankbarkeit kennen.
„Ich wurde von einer sehr dankbaren Mutter großgezogen“, sagt Terri, eine in New York wohnende lizensierte Psychotherapeutin und Expertin für Beziehungen, zu deren Klienten einige weltbekannte Persönlichkeiten gehören. „Wann immer wir draußen an etwas Schönem vorbeigingen, pflegte meine Mutter zu sagen: ‚Hallo, Gott!‘ Wenn ich ein Bad nahm, erinnerte sie mich daran, dass viele Menschen auf der Welt kein heißes Wasser haben. Sie wollte, dass wir dankbar sind für all unsere Segnungen, ob groß oder klein.“

Trotz des Beispiels ihrer Mutter, sagt Terri, sei sie in ihren Zwanzigerjahren ein vom Ego getriebener Hitzkopf gewesen, der leicht provoziert und beleidigt war.

„Ich war jung“, sagt Terri. „Ich wollte nicht, dass irgendwer jemals von mir dächte, ich hätte etwas falsch gemacht. Als ich mich psychisch, gefühlsmäßig und geistig mehr entwickelt hatte, erkannte ich, dass Abwehr eine auf Angst gegründete Erfahrung ist. Sie blockierte mich. Je mehr ich nach innen schaute, desto mehr nahm ich mir eine Veränderung vor.“

Eine Therapie half. Auch zu lernen, wie man meditiert.

Aber erst mit 31 Jahren begann Terri , sich das Danken zur regelmäßigen Gewohnheit zu machen. Es war spät in 1998 und ihr Vater war gerade verstorben. Kurz danach erfuhr Terri, dass sie einen pflaumengroßen, bösartigen Tumor an der Schilddrüse hatte. Nach der Operation ahnte Terri, dass etwas noch nicht in Ordnung war. Sechs Monate später überzeugte sie die Ärzte, alles nochmals anzuschauen. Diesmal fanden sie eine andere Art von Schilddrüsenkrebs.

„Krebs zu haben ließ mich erkennen, dass jeder Augenblick dieser erstaunlich schönen Lebensreise, auch das Schwere, ein Geschenk ist und dass uns nichts davon garantiert ist“, sagt Terri, die jetzt frei von Krebs ist. „Dankbarkeit schenkt dir die Kraft, ohne Bedauern zu leben.“

Terri verbindet ihre Meditation mit den Übungen der Dankbarkeit. Am Morgen, bevor sie anfängt, während der Meditation ein Mantra zu wiederholen, pflanzt sie Samen von Dankbarkeit in ihr Bewusstsein und Unterbewusstsein, indem sie Fragen stellt wie: Wofür bin ich dankbar? Für wen bin ich dankbar?
Was Terri über die Rolle der Dankbarkeit weiß, wird verstärkt durch Lektüre von Büchern und Nachforschungen zum Thema. Untersuchungen zeigen, dass durch das tägliche Aufschreiben von drei Dingen, für die wir dankbar sind, und das 21 Tage in Folge, der Optimismus zunehmen kann. Andere Untersuchungen haben gezeigt, dass Dankbarkeit beruhigend wirkt und die Willenskraft steigert.

Vor ungefähr zwei Jahren war Terri am Boden zerstört, als ihre 18 Jahre alte Nichte bei einem Autounfall ums Leben kam. Irgendwann konnte Terri etwas finden, wofür sie auch nach dem schrecklichen Erlebnis des Tods ihrer Nichte dankbar sein konnte, aber das brauchte Zeit.

„Zu sehen, dass auch aus dem Schlechten Gutes entstehen kann, heißt nicht, dass man sich nicht wünschen würde, das Schlechte wäre nicht passiert,“ sagt sie. „Es heißt nur, dass das Schlechte nicht bestimmend dafür wird, wer du bist.“  

Terri, die seit mehr als zwei Jahrzehnten praktiziert, hilft den Klienten, ihr bestmögliches Leben zu führen. Zu ihrer Klientel gehören bekannte Persönlichkeiten aus Unterhaltungsindustrie, Sport und Geschäftswelt. Dankbarkeit zu verstehen und zu üben, sei ein wichtiger Teil ihrer gemeinsamen Arbeit, sagt sie.

„Man muss bereit sein, Verantwortung zu übernehmen für das Maß an Glücklichsein, das man erfahren möchte, oder für das Maß an Freude, an Intimität oder was immer. Wir alle haben Lehrer wie Deepak Chopra und Oprah Winfrey, aber am Ende des Tages können wir nicht auf Deepak oder Oprah oder sonst jemand zählen, diese Erfahrung für uns zu machen. Dankbarkeit ist eine innere Arbeit. Dabei geht’s es um unsere Wahrnehmung.“

Terri ermuntert jeden von uns, unser eigener „Dankbarkeits-Guru“ zu sein.

„Wenn Sie auf Ihr Leben schauen und sagen: ‚Ich bin nicht so zufrieden. Ich fühle mich nicht so toll‘, dann sehen Sie vielleicht nicht auf das, was in Ihrem Leben in Ordnung ist. Vielleicht können Sie einen fünfzehn Jahre alten Groll nicht loslassen. Die Menschen fühlen sich im Recht. Sie lieben ihren Ärger und sagen: ‚Aber dieser Mensch hat unrecht.‘ Wie ein Sprichwort sagt:

‚Am Ärger festzuhalten ist wie Gift zu trinken und zu erwarten, dass der andere stirbt.‘

Dies ist Ihr Leben und nur Ihres. Wie lange lassen Sie die Person in Ihrem Geist wohnen? Denn sie zahlt keine Miete und nimmt wertvollen Raum in Ihrem Gehirn ein“, sagt sie.

Wie also pflegen wir Dankbarkeit, nicht nur am Erntedankfest, sondern das ganze Jahr über? Terri empfiehlt, mit einer zweimal täglichen Dankbarkeits-Übung zu beginnen. Fragen Sie sich morgens beim Erwachen: „Wofür und für wen bin ich dankbar? Was ist genau jetzt in meinem Leben in Ordnung?“ Schreiben Sie drei Dinge auf. Am Ende des Tages halten Sie eine kurze Rückschau, notieren die Höhepunkte und schreiben drei weitere auf.

„Das müssen keine großartigen Erfahrungen sein“, sagt sie. „Für mich sind es die kleinen Dinge: Heißes Wasser, guter Kaffee, mein netter Ehemann oder was immer. Das sind die Dinge, die mich weitertreiben auf dem Strom der Dankbarkeit.“


Annie L. Scholl schreibt regelmäßig für Das Tägliche Wort und Unity Magazine wie auch für die Huffington Post. Sie ist seit fast 35 Jahren hauptberuflich als Autorin tätig. Besuchen Sie ihren Blog unter anniescholl.com.

Aus: DAS TÄGLICHE WORT 11/12 2019