Antworten auf Lebensfragen

Was ist das Böse?


Lieber Freund,

Deine Frage ist so geartet, dass man sie auf die verschiedenste Weise beantworten könnte. Richte sie an jeden, den Du triffst und Du wirst ebenso viele Antworten erhalten, weil jeder seine eigene Lieblingstheorie oder Meinung darüber hat. Das Wörterbuch sagt, das Böse sei alles, was Glück oder Wohlbefinden beeinträchtigt oder das Gute ausschließt. Es könnte auf allen Bewusstseinsebenen Antworten auf Deine Frage geben, weil unser Glück und Wohlbefinden recht häufig beeinträchtigt werden. Aber lasst uns zum Höchsten gehen, zu der Weisheit, die alle Fragen beantwortet. Das eine, was Glück und Wohlergehen beeinträchtigt und den Menschen ihr Gutes nimmt, ist die Unwissenheit. Ich meine nicht den Mangel an Ausbildung, sondern die eigenwillige und willkürliche Missachtung der Kraft, die uns gehört.

Das Gute ist ein Ergebnis im Menschenleben, und zwar kommt es aus der Erkenntnis des Gesetzes des Lebens, der Wirksamkeit des Lebens und dessen, was das Leben begründet. Das Gute ist bewusste Erkenntnis der Bewegung und der Tätigkeit des Lebensvorganges und die Einstellung darauf. Das Gute ist also ein Wissen und ein Festhalten dieser Erkenntnis. Das Böse ist Nichtwissen. Die grundsätzliche und wichtigste Erkenntnis für den Menschen ist das Verständnis seiner selbst und des Gebrauches seines eigenen Geistes. Erkennen oder Wissen ist die wichtigste Geistesverfassung, ob einer mit einem Kind, mit einer Maschine, mit der Atomkraft oder dem Leben umgeht. Wissen ist der Schlüssel.

Eine der wichtigsten Bejahungen, die je gemacht worden sind, ist diese: „Und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Erkennen ist Freiheit. Wahrheit ist die Eigenschaft der Beständigkeit, des Einsseins mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung mit dem, was ist, was war und was sein muss. Die Wahrheit über den Geist des Menschen und seine schöpferische Kraft ist die wichtigste Erkenntnis auf Erden.

Wir fragen: „Warum gibt es so viel Unglück, Hunger, Furcht und Angst?“ Die Antwort ist: „Weil es so viel Nichtwissen gibt.“ Der Mensch hat seinen Mittelpunkt verloren um der Erkenntnis in der äußeren Welt willen. Unaufhörlich forscht er, schneidet er, untersucht, misst, wägt und trachtet er nach intellektueller Erkenntnis. Bücher sind geschrieben worden über alles in der Welt ‑ aber der Mensch missachtet den wirklichen Gebrauch seines Geistes. Der menschliche Geist ist nicht nur dafür da, dass er Fakten zusammenträgt, er ist die schöpferische Kraft der Welt. Unwissentlich, arglos, benutzt der Mensch diese schöpferische Kraft und schafft alle Arten von Dingen, die er böse nennt. Er erkennt nicht, dass er diese Dinge schafft, während er dem, was er das Böse nennt, Widerstand leistet rund sich widersetzt. Selbst im Widerstand unterstützt er das, dem er sich mit seinem Geiste widersetzt.

Allem ist Macht gegeben in dem Maße, wie es der Mensch mit seinem Geist unterstützt. Wenn der Mensch ein Verhältnis oder eine Situation in seinem Geist nicht unterstützt, werden sie in Vergessenheit geraten. Der Mensch ist sich nur dessen bewusst, was in seinem Geist ist. Nur wenn er sich einer Sache bewusst ist, kann er sich ihrer bedienen. Elektrizität und Atomkraft sind immer gegenwärtig gewesen, aber sie waren für den Menschen ohne Bedeutung, bis er sich ihrer bewusst wurde, sie aufgriff und sie sich mit der Kraft seines Geistes nutzbar machte.

Bedenke, nicht die Dinge, die uns geschehen, begründen das Leben, sondern wie wir uns auf das, was geschieht, einstellen. Was wir Prüfungen und Versuchungen nennen, sind die Erfahrungen des Lebens. Wie wir ihnen begegnen, ob wir ihnen wissend oder unwissend begegnen, das zeigt sich in dem Guten oder dem Bösen.

Wenn wir jedem Erlebnis überlegen oder gewachsen sind, nennen wir es gut. Wenn wir von einem Erlebnis überwältigt und umgeworfen werden, nennen wir es böse. Das Überwinden verlangt von uns aber keinen Widerstand, Kampf oder Krieg. Überwinden heißt, im Geiste durch größeres Verständnis über diese Dinge hinauszukommen.

Erfahrung ist die Art, Wachstum, Entfaltung und Reife zu erlangen. Der Erfahrung begegnen ist das Tun, das wir Leben nennen. Das Böse ist also Nichtwissen. Wissen ist Freiheit. Wahres Wissen gehört zum Geist und Herzen eines jeden Menschen. Was wir wirklich mit unserem Geist wissen, das fühlen wir. Es ist ein lebendiger, berührbarer Teil von uns, und wir können ihm nicht entkommen.

Lasst uns erkennen, dass wir allem, was in unser Leben kommt, in diesem Augenblick zu begegnen bereit sind, sonst würden wir ihm nicht gegenübergestellt. Alles tritt an uns heran, um aufgenommen zu werden, damit es zu einem Teil unseres Lebens wird, oder es tritt an uns heran, um erlöst zu werden. Jedes Erlebnis tritt an uns heran, damit wir etwas empfangen oder etwas im Leben aufgeben mögen.

Erlebnisse kommen, damit wir die nötigen Schritte unternehmen, die das Leben in einer äußeren und einer inneren Weise bedeutsam und erfüllend machen. Aber wir sind merkwürdige Geschöpfe. Wir geben Erlebnisse gerne auf; doch wir haben die merkwürdige Fähigkeit, an Dingen, die uns zustoßen, festzuhalten, einerlei, ob sie uns im Guten beeinflussen oder in dem, was wir „nicht gut“ nennen. Alte Überzeugungen, Meinungen, Wege, Pläne und Vorurteile sind in unserem Geiste schwer zu ersetzen. Wir sind Geschöpfe der Gewohnheit.

Wir haben Denkgewohnheiten aufgebaut. Unsere „geistige Gewohnheit“ und das Vorwärtsdrängen unserer Seele befinden sich nicht immer in Übereinstimmung. So fühlen wir das Drängen des Planes in uns und die Denkgewohnheiten in der äußeren Welt. Das Böse kommt daher, dass wir keinen Ausgleich finden zwischen der Gewohnheit, die uns an die alten Geistesverfassungen bindet und dem Vorwärtstreiben des Lebensimpulses, der das Alte zurücklässt. Das Böse ergibt sich daraus, dass wir nicht wissen, wie wir den Wandel von den alten Bewusstseinsverfassungen zu den neuen vollziehen sollen.

Wenn die Forderungen des Lebens kommen, stellen wir uns aufrecht, treten in sie ein und nehmen die Zurückweisung des Aufgebens an und wir vertrauen der Gezeit und glauben an sie und bewegen uns mit ihr. Unser Fortschritt und unsere Erkenntnis werden entwickelt durch unsere Fähigkeit, unseren Standpunkt einzunehmen und uns mit den Erlebnissen zu befassen. Das Böse ist das Nichtwissen, das uns zum Aufgeben veranlasst, das uns veranlasst, nicht im Glauben zu stehen und zu bleiben. Widerstandslosigkeit und Handeln bilden die größte Macht, um das Böse zu besiegen. Wenn wir nachgiebig sind, regen wir uns mühelos - ohne gegen das, was wir das Böse nennen zu kämpfen. Je mehr wir kämpfen und Widerstand leisten, umso mehr nimmt unser Geist die Realität an und umso größer wird die Kraft, die der Unwissenheit eingeräumt wird, dem Nichtwissen und allem, was wir das Böse nennen.

Was man das Böse nannte, ist meist von solchen Menschen unterstützt worden, die sich ihm zu widersetzen gedachten. Aber durch ihren Widerstand selbst gaben sie dem Bösen seine größte Macht. Die sich dem Bösen widersetzen, machen es dauernd zu etwas. Das Böse ist ein Nichtwissen und so müssen wir ganz sicher geschäftig sein und erkennen, dass wir auf Erden eine Kraft sein können, den Menschen von den falschen Überzeugungen, die im Geiste hergestellt sind und von dem eigenen Geiste des Menschen getragen werden, zu befreien. Uns ist die Kraft gegeben worden, durch das Leben zu gehen und keine andere Kraft kann diese Kraft besiegen, die in jedem von uns ist und die die „Allmacht“ ist.

Mein Leben ist mein Auftrag. Dein Leben ist Dein Auftrag. Leben bedeutet, dass wir allem, was vor uns liegt, lebendig begegnen. Wir nennen unsere Anforderungen vielleicht Verlust, Unglück, einen unheilbaren Zustand, eine verwickelte Situation oder wir nennen sie vielleicht das Böse. Aber wenn wir ihnen in der klaren Erkenntnis begegnen, dass jeder Auftrag, der kommt, unser Auftrag ist, dass er verdient ist und dass wir für diesen besonderen Auftrag bereit sind, weil wir durch vergangene Erlebnisse, die wir überwunden haben, Wachstum und Mut erlangt haben, dann sind wir über die Situation und ihren Einfluss auf uns hinausgewachsen. Wir haben alles, was wir brauchen, um dem Leben zu begegnen. Leben heißt, diesen Augenblick, diesen Tag ergreifen. Die Kraft, die uns gegeben ist, um jedem Augenblick zu begegnen, wankt niemals. Das Wichtigste ist, dass wir erkennen, wie wichtig wir für unser eigenes Leben und für unsere Welt sind.

Das Böse hat keine Kraft außer der Kraft, die ihm der Mensch mit seinem Geist und seiner Unterstützung gibt. Würde er dieselbe Geisteskraft dem Guten geben, das in jedem Erlebnis liegt, würde seine Welt revolutioniert. Die Kraft, als ein menschliches Wesen durch das Leben zu gehen, ist jedem von uns gegeben. Aber wie wir durch unser Leben gehen, das liegt an uns. So wollen wir unseren Weg im Glauben und ohne zu zaudern gehen.