Ein Brief an Adam

Von Sue Sikking

Mit unseren Veröffentlichungen möchten wir Ihnen ergänzende und weiterführende Impulse für Ihr Leben schenken.


Auszug aus: Ein Brief an Adam von Sue Sikking

Was mache ich falsch?

Lieber Freund,

Du fragst: „Was mache ich falsch?“ Du fährst fort und sagst, dass Du für Dich und Deine Lieben ein Ziel, einen hohen Lebensstandard festgelegt hast, dass Du schwer und lange arbeitest und ein gut Teil Erfolg und Komfort erlangt hast; und dass es doch keinen Rastplatz zu geben scheint, keinen Augenblick, um die Früchte Deiner
Hand zu genießen. So fragst Du: „Was mache ich falsch?“

Es gibt viele Straßen, die zum Verderben des Menschen führen. Alle diese Dinge, die Du erwähnt hast, scheinen wichtig und ehrenvoll zu sein, wie etwa ein hoher Lebensstandard, Erfolg und Bequemlichkeit für die Menschen,
die Du liebst. Ich weiß, dass wir geglaubt haben, dass der Mensch leer ausgeht, weil er dem Leben nicht offen
und ehrlich begegnet oder weil er sich in Zorn, Hass, Angst und Sorge verstrickt. Er verliert sich in alle Arten
geistiger „Verstrickungen“, in Entmutigung, in den Glauben an Ungerechtigkeit, in vorgefasste Meinungen, in
Vorurteile, Verurteilung, Kritik und Angst. Wir sagen, dass ihm diese Dinge das Leben rauben und das tun sie
auch. Aber es gibt im Leben viele scheinbar rechtmäßige Straßen, die die Seele des Menschen in den Hungertod führen, sodass er in einer Welt voller Gutem leer umherirrt.

Der Mensch vertreibt sich selbst, ahnt zu wissen, was er tut. Er verkauft sich für ein Gericht Suppe, ohne sich
bewusst zu sein, was für ein schlechtes Geschäft er macht. Er weiß nicht, was ihm geschieht, bis er auf dem Weg
und an einen Punkt angelangt ist, von dem es keine Rückkehr gibt. Natürlich sollten wir sagen: „Ein Punkt, von
dem es scheinbar keine Rückkehr gibt“, denn es gibt immer einen Weg zurück. Wenn der Mensch sich bewusst
wird, dass er verloren ist, sucht er den Weg zurück. Aber der Mensch ist sich nicht immer bewusst, dass er seinen
Weg verloren hat. Er wählt einen Weg, weil er glaubt, dass ihn dieser zu den besten Dingen im Leben führt: Erfolg, Ansehen, Anerkennung und was wir gewöhnlich ein „erfülltes Leben“ nennen.

Ich will nicht sagen, dass Erfolg, Ansehen und Anerkennung nicht gut sind, aber ich will sagen, dass der Weg,
der zu ihnen führt, gewagt ist und dass es eine Menge Fallgruben gibt. Oft muss man als Preis wertvollere
Besitztümer zahlen. Es bedarf einer klugen, liebevollen und starken Seele, um den Weg zu äußerer Macht zu
finden und dennoch gleichzeitig alles zu erhalten, was dem Leben lieb ist. Wenn sich der Mensch einmal au
f die Reise nach Erfolg und Macht begibt, wird er zunächst den Werten begegnen. Er muss entscheiden, was
von dauerndem Wert und was von vorübergehendem Wert ist. Wir könnten das Vergängliche den Schaum oder
Staub des Lebens nennen. Solche Dinge sind nur für den Augenblick und haben keinen wahren und dauerhaften
Wert.

Des Menschen erstes Problem ist es, den Unterschied zu erkennen zwischen dem, was wirklich und wahr ist und
dem, was leer und nutzlos ist. Die Straße zu materiellem Gewinn ist belebt. Der Mensch wird von den Menschen
seiner Umgebung und von seiner Fähigkeit und der Notwendigkeit, seinen Platz zu behaupten, so sehr in Anspruch genommen, dass er die hohen Ideale, die Pläne und die Hoffnungen, die ihn zu Anfang auf den Weg gebracht
haben, manchmal verliert. Er vergisst, dass er einen sehr schwierigen Lebensplan hat, der ihm und nur ihm gehört.
Er erkennt nicht, dass dieser Lebensplan für sein Glück und Wohlergehen nötig ist. Er erkennt nicht nimmer, dass
er für das Leben ebenso nötig ist wie das Atmen. Dieser Plan schläft unbeachtet in ihm, während er ein Leben
nach eigener Vorstellung erjagen und planen und formen will. Wenn wir hier und da suchen, diese und jene
Methode ausprobieren, um mehr Geld zu machen oder die nächste Stufe auf der Leiter des Ruhmes und Glücks
zu erklettern, warten vielleicht die wahren, guten und nötigen Dinge im Leben.

Was wir aufrichtig im Leben wünschen, kommt nicht vom Mühen und Kämpfen in der äußeren Welt. Alles, was
die Dinge, die wir wünschen, erfüllt und hervorbringt, liegt schlafend in uns wie die Blume im Samen. Keiner
von uns kann ohne sein wahres Selbst, ohne Führung aus seiner eigenen, inneren Kraft zu einem dauernden
Platz der Erfüllung kommen. Um in unser Eigenes zu kommen, müssen wir diese Führung und ein Gefühl dafür
haben, was für uns richtig ist.

Oft sind wir angestrengt bemüht. Wir hassen nicht, stehlen nicht, beleidigen niemand. Wir arbeiten schwer,
wir lieben unsere Familie, wir nehmen jede Gelegenheit zu unserem Vorteil wahr. Wir wünschen uns ein
ordentliches, ausfüllendes Leben und doch arbeiten wir vielleicht ohne ein wahres Gefühl für Werte. Wenn
wir nicht von einer wahren Voraussetzung ausgehen, können wir keine wahren Antworten haben und alles
Tun wird zu Fehlschlag und Enttäuschung führen, selbst wenn wir es zunächst Erfolg nennen. Wenn wir mit
irrigen Gedanken arbeiten, gehen wir vielleicht noch vorwärts, stellen aber fest, dass wir beunruhigt, gequält
sind und dass uns nichts befriedigt.

„Was ist falsch?“, fragst Du. Würde es Dich schockieren, wenn ich Dir sagte, dass Du in Deinem eigenen Ehrgeiz befangen bist? Wir verlieren uns in unserem Wettlauf nach dem Erfolg und das führt zu vielen Verwicklungen.
Dazu gehören Sorge und Angst, die vielleicht zu Herzleiden, zerrütteten Nerven und Geschwüren führen. Dies
sind die Verluste des Ehrgeizes ohne innere Führung und Ausgeglichenheit ‑ der Erfolg eines Arbeitens ohne
den Schutz unserer inneren Kraft. Oberfläche und äußere Leistung ohne inneres Einssein werden zu einem
gefährlichen Tun.

In seinem Wunsche nach Vorwärtskommen, Beförderung oder nach einem höheren Amt wird der Mensch
besessen von dem Verlangen nach Leistung oder Gewinn. Dies wiederum veranlasst ihn, alle Hemmungen
aufzugeben und er missachtet alle ethischen Gesetze des Verhaltens seinen Mitmenschen, sogar sich selbst gegenüber. Oft verwandelt sich unser ursprünglicher Wunsch, unsere und die Nöte unserer Lieben zu decken,
in einen Albtraum, und wir fühlen uns wie in einem Schraubstock. Wir stellen fest, dass wir nicht mehr vorwärts
können und dass wir nicht mehr zurück oder aufgeben können. Wir haben materielle Verpflichtungen, Ansprüche
und was von uns erwartet wird, raubt uns die wahre Lebensfreude.

Schließlich stellen wir fest, dass wir, um das Feuer zu unterhalten, unsere Familie, unsere Lieben und unsere
Ideale opfern. Sie alle werden zu Brennstoff im Ofen unseres Ehrgeizes. Es scheint keinen Platz zu geben, zu
dem wir zurückkehren können. Selbst unsere Ehre, unsere eigene Beziehung zu uns selbst erleidet Einbußen.
Ein Mann mit schweren Magengeschwüren gesteht: „Ich kann es nicht mehr aushalten, was ich tue, aber ich
kann nicht aufhören. Es steht für mich zu viel auf dem Spiel.“ Oftmals können uns die bloße Arbeit, der wir
nachgehen müssen oder die Notwendigkeit, unserem selbstgeschaffenen Bild zu entsprechen, uns unseres eigentlichen Lebens berauben. Manche Dinge, die die Welt für den Erfolg fordert, sind ein zu hoher Preis.

Zunächst macht sich ein Mann daran, mehr Geld zu verdienen, um mehr Muße zu haben, mehr Zeit für seine
Familie, mehr Glück und eine Gelegenheit, sein wahres Selbst zu sein. Dann verliert er sich auf dem Weg
dorthin. Er plant für die wirklichen Dinge oder was wirklich zu sein scheint, und er fällt am Wege und Ketten
werden geschweißt, die ihn gefangen halten. Ambition kommt von einem lateinischen Wort, das so viel bedeutet
wie „Herumgehen“ und darum handelt es sich auch. Es ist wie ein Karussell, denn oft kommt ein Mann da heraus,
wo er begonnen hat und stellt fest, dass er nirgendwohin gelangt ist.

Ein Mann geht arglos genug daran, sein Geschäft auszubauen, sich eine größere Einrichtung zu schaffen,
andere in der Leistung zu übertreffen. Manchmal gibt ihm ein schneller Aufstieg Veranlassung zu einem Überlegenheitsgefühl. Er vergisst, wie es ist, wenn man sich arm, verfehlt und erfolglos fühlt. Er vergisst den
Weg, den er gekommen ist.

Wir haben uns alle unsicher, ungewiss und manchmal sogar ängstlich gefühlt. Es ist gut, sich an solche Zeiten
zu erinnern, weil uns eine solche Erinnerung ausgeglichen erhält. Wir kommen vielleicht zu der Überzeugung,
unsere Sicherheit wäre in der äußeren Welt begründet oder sogar in unserer eigenen Geschicklichkeit und
gewandten Geschäftsführung. Es ist gut zu bedenken, dass Menschen die wichtigsten Dinge auf der Welt sind.
Unsere Beziehung zu anderen Menschen ist unser kostbares Geschenk im Leben. Lassen wir uns nicht hinsichtlich
unserer wahren Werte beirren.

Bei unserer Kletterei um Gewinn stellen wir die wichtigsten Dinge nicht immer an den Anfang. Die ersten Dinge müssen zuerst kommen. Die wirklichen Werte im Leben sind Menschen, Liebe, Glaube, Ehre, Rechtschaffenheit
und vor allem Zeit. Jawohl, Zeit, um das Leben auszudrücken und zu genießen und zu lieben, um Glück zu erfahren;
Zeit ist schließlich das Opfer des Menschen im Feuer des Ehrgeizes. Es wird zu unserem Ruf: „Ich habe keine Zeit!“ Wir haben keine Zeit für uns, keine Zeit für unsere Lieben, keine Zeit für die kleinen Freuden, für das Lachen,
für die schönen Gefühle der richtigen zwischenmenschlichen Beziehungen und für all die kleinen Dinge, die das
Leben lebenswert machen. Wir brauchen diese Dinge. Ohne sie sind wir nichts und kein Gewinn ist der Mühe wert.
Wir müssen uns bei allen Beschäftigungen, bei allen Verabredungen, bei jeder Transaktion und jeder Begegnung
darüber klar sein, dass das Wichtige die Beziehung zwischen uns und unserem Mitmenschen ist. Alles andere ist nebensächlich. Eine innere Würde und Sauberkeit muss dem Gewinn und der Leistung vorangehen. Das haben
wir alle gemeinsam. Die Kraft, die wir haben, darf nicht getrennt sein von dem Guten, das wir anstreben. Wir sind
leer und unerfüllt, wenn unsere eigene Würde und Sauberkeit nicht an erster Stelle stehen. Der materielle Gewinn,
das äußere Geschäft sind zweitrangig.

Dies ist es, was falsch ist: Wir lassen das wirkliche Selbst, das wahre Selbst aus unseren Überlegungen heraus, während wir Tage, Wochen und Jahre verbringen, gefesselt von den Dingen der äußeren Welt. Wir verlieren das
Größte von allem, ein reiches, freies Leben. Nur wir können unseren Weg zurückfinden, zu der wirklichen und
wichtigen Lebensweise. Lasst uns heute zurückgehen. Es führt immer ein Weg zurück.


Mit freundlicher Genehmigung des FRICK VERLAGS Pforzheim veröffentlichen wir monatlich ein Kapitel aus dem Buch von Sue Sue Sikking: Ein Brief an Adam