Trauer während der Feiertage


Die Adventszeit ermöglicht den Einstieg
in ein neues Kapitel unserer Transformations-geschichte.

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Trauer während der Feiertage

Rev. Ogun Holder
 
Im Englischen benutzt man das Wort „advent“, um den Beginn oder das Auftauchen von etwas Wichtigem anzuzeigen, wie zum Beispiel den Beginn des Zeitalters der Flugzeuge oder Computer. Wenn man den ersten Buchstaben groß schreibt, wird daraus die Vorbereitung auf die Geburtsfeier Jesu Christi, vielleicht die bedeutendste Manifestation aller Zeiten – historisch, metaphorisch und metaphysisch.

Weihnachten ist vielleicht das höchste, alles übergreifende Ereignis. Von Gläubigen und Kirchengegnern gleichermaßen begangen, dreht sich alles ums Feiern und um  Offenbarung: Praktisch jedes Gebäude ist mit farbig leuchtenden Girlanden geschmückt, aufwändig (oder gelegentlich auch unbeholfen) verpackte Geschenke erhöhen die Hoffnung und die Vorfreude, kunstvoll geschmückte Bäume stehen neben Kinderkrippen, eine Verschmelzung von Ungläubigen und Christen. Launen verwandeln sich in Milde, mürrischer Ausdruck wird zu einem Lächeln.

Für einige jedoch bedeutet diese Jahreszeit einen Komplex von widersprüchlichen Emotionen. Die weihnachtliche Freude überdeckt oft eine unterschwellige Traurigkeit, die von leichter Melancholie bis zur tiefsten Verzweiflung reicht. Die Feiertage können  mächtige Berührungspunkte für jene sein, die einen tiefen Verlust erlitten haben und noch schmerzlich darin gefangen sind. 

Selbst wenn das Geschehen schon eine geraume Zeit vorbei ist, ruft die krasse Abwesenheit der Liebsten das ursprüngliche Verlustgefühl und ein Wiederauftauchen des Kummers hervor. Elemente, die dazu dienen, Lebensfreude, Nostalgie und Verehrung hervorzurufen, können versehentlich zum Auslöser für Gleichgültigkeit, Depression und Verachtung werden.

Zusätzlich zu den bereits bestehenden widersprüchlichen Gefühlen könnten Schuldgefühle auftauchen, wenn andere, in der fehlgeleiteten Bemühung zu trösten, ihr eigenes Glück dämpfen wollen. Das könnte weiteren Rückzug zur Folge haben und somit den Teufelskreis der Isolation und Trostlosigkeit aufrechterhalten.
Der einzige Weg aus diesem Sumpf heraus  zu kommen, ist da durchzugehen … nicht durch die Feiertage an sich, sondern durch den Leidensprozess als solchen, der selbst in  besten Tagen ein unerwünschter Zustand von einer unübersehbaren Zeitspanne ist.

„Da durchgehen“ schafft man nur durch Annehmen und Ergebung. Ergebung in die bisherigen Widerstände, egal wie lange sie auftauchen und mit welcher Intensität. Nimm dich so an, wie du momentan bist  und verzichte auf deine selbst auferlegte Verurteilung, dass du  Weihnachten nicht so empfindest, wie es nach der vorherrschenden Meinung sein sollte. 

In dem modernen Unity-Klassiker von Rev. Robert Brumet Wenn der Boden unter den Füßen wankt beschreibt er eine Phase des Übergangs, die man die Leere nennt. „Es ist vergleichbar mit dem Verlorensein in einer endlosen Wüste, oder auf dem endlosen Meer treibend  … das Selbst scheint wie ein Phantom – eine Erscheinung aus einer früheren Inkarnation; das Leben fühlt sich flach und leer an, nichts scheint wirklich zu sein … Die Leere berührt unsere tiefsten Ängste vor Hilflosigkeit, Verlassenheit und vor dem Tod.“

Es gibt immer die Versuchung, sich ausgiebig dieser Verzweiflung hinzugeben, doch, wie jeder Bewohner des Mittleren Westens bezeugen kann, bietet eine „Panne“ die Gelegenheit zu einer anderen Sichtweise. Es können unbekannte Einsichten auftauchen, die man durch das vorgegebene  weihnachtliche Drum und Dran nicht wahrgenommen hatte.  Ein ungeschütztes und verletzliches Ego kann die beste Voraussetzung dafür schaffen, ein neues Gefühl für sich selbst und ein  besseres Bewusstsein zu entwickeln. 

Tatsache ist, wenn man  in einer Trauerphase steckt, kann alles ein Auslöser dafür sein. Die Wahrheit ist, dass das Leid, wenn wir ihm erlauben, seinen Verlauf zu nehmen,  letztlich ein Heilungsprozess ist.

Die Adventszeit ermöglicht den Einstieg in ein neues Kapitel unserer Transformationsgeschichte, die durch unseren Verlust ausgelöst wurde. Diese Erkenntnis lässt uns die Wunder der Adventszeit auf eine komplett neue Art und Weise erleben.